Weblog.

Donnerstag, 03.11.2011, 11:12:03

Sherry Trouble

Ann Liv Young sherapiert den Villacher Kulturhofkeller

Dem Damensalon ist es in Zusammenarbeit mit dem Kulturhofkeller im Rahmen der Reihe Kulturhofkeller:Dialoge/Provokation im Damensalon gelungen, die amerikanische Performancekünstlerin Ann Liv Young auf ihrer Durchreise vom Steirischen Herbst zum Festival Politik im Freien Theater in Dresden für einen Zwischenstopp in Villach zu gewinnen – und wo immer Young, gleich mit welcher Personage, auftritt, ist ihr ein vorauseilendes Raunen sicher. So tönt es zuverlässig und unisono »provokant, schonungslos, radikal, Scham, Abscheu, Ekel« durch die Medien. Youngs Performances sollen ein persönliches Erlebnis sein, das manche im Publikum bewusst an die Grenzen dessen, was sie ertragen können, bringt. Mit dieser Methode geht unter ethischen Aspekten selbstredend auch eine nicht zu unterschätzende Verantwortung, die die Performerin für ihr Publikum trägt, einher. Doch dazu später mehr.

Diesmal trat Young als Sherry auf, eine mit den gängigen Klischees des white trash der Südstaaten kokettierende Rolle, fast ohne Unterbrechung plappernd, von unhöflich aufdringlicher Höflichkeit und einem aggressiv-grenzüberschreitenden Interesse an den kleinen und großen Traumata des Publikums getrieben. Dass diese Rolle, wie alle anderen, in denen Young auftritt, bezweckt, mittels Provokation die alltägliche »Normalität« an ihren Grenzen zu irritieren, um dadurch die normalisierende Macht des Alltags sichtbar und angreifbar zu machen, ist zwar nicht neu. Aber dennoch ist Youngs Sherry unter dramaturgischen Aspekten ein äußerst gelungener und überzeugender Charakter, den Young virtuos zu spielen versteht. Spannend wird die Interaktion mit dem Publikum vor allem dann, wenn man sich auf Youngs Spiel einlässt und es als das auffasst, was es ist: eben ein Spiel. Man kann ebenso spielerisch, wie Young die Sherry spielt, auf Sherrys Fragen reagieren. Man hat die Wahl, ebenfalls eine Rolle anzunehmen, die Sherrys Provokationen spiegelt und ihr wieder entgegenschleudert. Man kann den Kulturhofkeller auch verlassen. Man kann schweigen, was aber dazu führt, dass Sherry einen unablässig weiter mit ihren Fragen löchert und auf der Grundlage bloßer Vermutungen so lange immer zudringlicher wird, bis die meisten antworten – und dann werden die Schrauben um eine Umdrehung weiter angezogen. Dieses auf Gegenseitigkeit beruhende Spiel ist jedoch voraussetzungsreich und nicht jede/r im Saal in der Lage, es zu spielen. Früher oder später – meist früher, was das Publikum im Kulturhofkeller betrifft – wird es peinlich. Kaum jemand möchte oder kann sich so richtig auf Sherry einlassen. Anstelle von Antworten hört man oft unangenehm berührtes schweres Atmen. Vielleicht liegt das auch an merklich vorhandenen Sprachbarrieren. Denn in ihrer Südstaatenborniertheit geht Sherry selbstverständlich davon aus, dass die ganze Welt ihre Sprache spricht und mit der Geständnis- resp. Geschwätzigkeitskultur amerikanischer Prägung aufgrund der globalen Verbreitung des Talkshow-Formats vertraut ist. Konsequenterweise nimmt Sherry unaufhaltsam weiter monologisierend vom Fehlgehen ihrer Annahme wenig Notiz. So far, so good – so what?

Youngs Konzept scheint aufzugehen: Ein blondes Südstaatentrampel wälzt sich durch ihr Publikum und lässt dabei kaum eine Grenze unversehrt. Wenn die Irritation dann auf dem Gipfel angekommen ist, lässt Sherry die betreffende Person stehen und nimmt ihr nächstes Opfer mit einer sicheren Intuition für seine Schwächen und wunden Punkte ins Visier. Mit Empathie sollte diese Gabe allerdings nicht verwechselt werden. Denn Empathie ist die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen. Im politisch-emanzipatorischen Theater, in dem sich Young verortet und verortet wird, ist diese Bereitschaft und Fähigkeit konstitutiv für das Gelingen einer ermächtigenden Performance. Denn Empathie ist eine wichtige Voraussetzung für das Entstehen eines Dialogs, was wiederum eine der zentralen Herausforderungen an emanzipatorische Aktionen und Bewegungen ist. Denn dort, wo der Monolog den Dialog verdrängt, erfahren wir das Gegenteil von Emanzipation, nämlich Unterdrückung. Sherry aber monologisiert munter vor sich hin. Ein wirklicher Dialog, in dem sich die GesprächspartnerInnen füreinander interessieren, sich also Empathie entgegenbringen, entsteht hier nicht. Was entsteht, ist das Herauskitzeln von Privatem in einem Pseudodialog, der das so zu Tage Geförderte im grellen Licht der Sensationen präsentiert. In dieser Weise unterwirft Sherry ihr Publikum der Tyrannei der Intimität, einer Tyrannei, die als einziges Wahrheitskriterium psychologische Kategorien zulässt und menschliche Erfahrung auf die unmittelbaren Lebensumstände beschränkt, wodurch diese eine alles überragende Bedeutung gewinnen. Diese Tyrannei nimmt fälschlicherweise an, dass Gesellschaft aus dem individuellen Gefühlsleben entsteht, wodurch man, wenn man dem folgt, blind wird für das kritische Hinterfragen der Sozialstrukturen von Macht und Herrschaft, die uns aber als Individuen erst erzeugen.

Es steht außer Frage, dass ein politisch-emanzipatorisches Theater auch da herumwühlen muss, wo es mitunter weh tut. Dort, wo sich normalisierende Macht so weit in uns eingeschrieben hat, dass wir sie nicht mehr als solche wahrnehmen, sondern sie mit (unserer) »Natur« verwechseln, wodurch uns diese Macht weiterhin erfolgreich unterdrücken kann. Dort baut Macht Barrieren, die der Offenheit entgegenstehen. Möchten wir diesen Reproduktionskreislauf von Unterdrückung durchbrechen, müssen wir Macht entnaturalisieren, damit sie diskutier- und veränderbar wird. Weil Macht dort am mächtigsten ist, wo sie am verborgensten wirkt, ist dieser Prozess nicht selten schmerzhaft, was eine große ethische Verantwortung mit sich bringt. Daher muss sich die Frage stellen, in welchem Raum, in welchem Kontext die Barrieren niedergerissen werden und was nach dem Niederreißen geschieht. Zur Beantwortung dieser Frage bedarf es unbedingt der Empathie und des Dialogs. Sherry lässt beides gar nicht erst auch nur in Ansätzen entstehen. Ob willentlich oder aus Unvermögen, muss hier offen bleiben. Einer kleinen Gruppe im Publikum missfiel daher Sherrys monologische Methode und brachte dies lautstark zum Ausdruck. Immerhin bat Sherry diese Gruppe, nach vorne zu kommen. Doch anstelle eines Dialogs führte sie ihren Monolog weiter, indem sie die Gruppe aus Unlust oder Unfähigkeit, die Einwände zu diskutieren, nach kurzer Zeit wieder auf ihre Plätze verwies und ihnen den Tod wünschte. Lässt sich aber mit Leichen ein Dialog führen?

So ist es ärgerlich, dass die hohen Erwartungen, die man an die allseits hochgeschriebenen Performances von Ann Liv Young durchaus haben darf, so sehr enttäuscht wurden. Wenn also schon die monologische Performance – die, wir erinnern uns, in der Reihe Kulturhofkeller:Dialoge aufgeführt wurde – dermaßen scheitert, bleibt noch die Hoffnung auf ein klärendes Künstlerinnengespräch. Ohne nun zu meinen, in einem solchen Gespräch die »Wahrheit« zu erfahren, brachte es sehr wohl Klärung. Zumindest in der Hinsicht, wie erschreckend naiv, selbstüberschätzend und anmaßend eine sich andauernd in argumentative Widersprüche verstrickende Ann Liv Young an die Personage der Sherry herangeht. Sieht man einmal davon ab, dass Young die begrifflichen Unterschiede zwischen Macht [power] und (körperlicher) Gewalt [force] unbekannt sind, weshalb alleine deren Erwähnung zu für die Diskussion unproduktiven Verwechslungen führte, bleiben noch einige Punkte, die es wert sind, kritischer, als Young es tut, betrachtet zu werden.

Young möchte mit ihrer Sherry-Performance, die sie deshalb auch »Sherapy« nennt, helfen. Helfen, Tabus zu enttabuisieren, um dadurch freier zu werden, was bei Sherry nach dem Motto »Hauptsache, wir haben mal darüber geredet« abläuft. Zum Standardrepertoire gehören: »Are there any gay people in the house?«, »Hey Mister, did you ever hit your wife?«, »Did your wife masturbate you before you were coming here?«, »Did you lose someone close to you recently?« usw. usf. – eine entgrenzte Tyrannei der Intimität. Einmal intim geworden, lässt Sherry ihre Opfer – von gleichberechtigten GesprächspartnerInnen kann man aufgrund der oben genannten Gründe nicht sprechen – dann im Regen stehen. Wer hier wirklich auf Hilfe hofft, hofft leider vergebens. Erfahrene PerformancebesucherInnen werden das nicht tun, aber Publika tendieren dazu, heterogen zu sein. Nicht allen ist geläufig, dass Theater therapeutische Effekte haben kann, aber keine Therapie ist.

Im Gespräch jedoch weist Young jegliche Verantwortung für ihr Publikum vehement von sich. Denn, so lautet ihr Credo, man habe schließlich jederzeit die freie Wahl, ob man den Saal verlässt oder bleibt. Wenn man also jederzeit die freie Wahl hat, wenn also Macht in Youngs Verständnis nur körperliche Gewalt ist, nicht aber in Form von sozialen Imperativen der Höflichkeit, Sitten und anderer Regeln erfahren wird, stellt sich die Frage, was Young überhaupt mit ihren Performances bezwecken möchte. Dann brauchen wir ihre Hilfe gar nicht, weil wir sowieso schon frei wählen können! Unbeachtet bleibt bei Young, woher Tabus rühren, die ja nichts anderes als implizite und daher äußerst mächtige soziale Handlungsimperative sind. Tabus zeichnet es aus, dass sie eben in der Regel nicht mit physischer Gewalt durchgesetzt werden. Ferner vergisst Young, dass, wenn sie von Wahlfreiheit spricht, sie stets nur die rational begründete Wahl meint. Performances aber spielen sich nicht nur auf rationaler, distanziert-reflexiver Ebene ab, sondern gerade auch auf der Ebene unmittelbar erfahrener Affekte. Wer dies zum ersten Mal und womöglich unvorbereitet erlebt, so wie viele ZuschauerInnen an diesem Abend, bedarf mitunter unterstützender Rahmung des Geschehens. An dieser Reflexion über eine Ethik der Performance versucht sich Young erst gar nicht.

Damit bleibt als nachwirkender Eindruck eines Abends mit politisch-emanzipatorischem Anspruch ein mehr als schaler Nachgeschmack. Man wird und wird das Gefühl nicht los, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wurde, indem Young von ihrem Publikum eine Offenheit und (Selbst-)Reflexion erwartet, die sie selber nicht willens oder in der Lage ist, einzulösen; dass durchaus kritikwürdige Normalitäten und Hierarchien statt dekonstruiert, rekonstruiert wurden; dass es mit der Ermächtigung nicht allzu weit her war, sondern dass Neugierige, die erstmalig auf einer Performance von Ann Liv Young waren, durch den nicht enden wollenden Monolog Sherrys überrumpelt und festgeschrieben wurden, ohne Unterstützung bei der Rahmung und Reflexion des Geschehens zu bekommen. Young betonte im Künstlerinnengespräch, dass es ein zentrales Motiv ihrer Arbeit sei, neue Verbindungen herzustellen, neue Leute für ihre Sache zu gewinnen. Fraglich, ob dies an diesem Abend gelang.

von senest | permalink