»Tadej Pogacar [sic!] wirkte nach dem nächsten historischen Triumph seiner schon jetzt einzigartigen Karriere, als hätte er eine lästige Besorgungsfahrt erledigt.«– Thomas Gaber,
eurosport.de
Es gibt größere Leistungen Tadej Pogačars als seine sportlichen und ich bin mir nicht sicher, welche dieser außersportlichen die größte ist. Wahrscheinlich ist das auch die falsche Frage, denn sie bedingen einander. Sie bestehen darin, den Radsport ereignislos gemacht und unmissverständlich gezeigt zu haben, dass dieser ein big business wie jeder andere Leistungssport auch ist. Statt als Epos (vgl. Barthes 1986) erscheint der Radsport als (Termin-)Geschäft, sodass man »keine Kämpfer mehr, nur noch Radproletarier bei einem dubiosen Job« (Sloterdijk 2008: 119) sieht, dessen Ausgang mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden kann.
Barthes, Roland (1986): »Die Tour de France als Epos«, in: Gerd Hortleder, Gunter Gebauer (Hg.), Sport – Eros – Tod, Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 25–36.
Sloterdijk, Peter (2008): »Hundsgewöhnliche Proletarier«, in: Der Spiegel 28/2008, S. 118–121.
als du zu Beginn des Jahres verkündetest, dass das »Kapitel des Klebens und der Straßenblockaden endet«, nur um Dich ein gutes halbes Jahr später wieder einmal auf einem Rollfeld festzukitten, war das ein ›Ehrenwort‹ im Sinne Uwe Barschels?
musste das sein? Dass du wieder einmal deinen mitunter beißenden Sinn für Ironie beweist und George Michael zu Weihnachten aus dieser Welt abberufst? Last Christmas …
Die Kälte verlangsamt sämtliche Teilchenbewegungen, bis sie am absoluten Nullpunkt schließlich ganz zum Erliegen kommen. Was für die Physik zutrifft, stimmt auch in der Musik. Die Heiterkeit beweisen dies mit dem Opener ihres neuen Albums: Die Kälte verlangsamt jegliche musikalische Aktivität, lässt Orgelsphären nahe am Nullpunkt wabern, zieht Gesänge in die Länge, bevor ein sich träge dahin schleppendes Schlagzeug zu einer verhaltenen Zunahme der Aktivität führt. Nur bloß nicht übertreiben …
Nein, keine Angst, das tun sie nicht. Auch auf ihrem mittlerweile dritten und bisher umfangreichsten Album bleiben Die Heiterkeit sich und ihren Fans treu. Stella Sommer (Gesang, Gitarre), Sonja Deffner (Keyboards), Hanitra Wagner (Bass) und Philipp Wulf (Schlagzeug) bezirzen uns auch weiterhin mit The Cure’schen Schrammelgitarren, an New Order erinnernden melodiösen Basslinien, flächigen Synthies, tupfigen Pianos und nicoeskem Gesang, der sich jeglicher Gefühlsregung enthält. Kein Zufall, dass aus dem Logo der Band ein »Smiley« so heiter in die Welt blickt wie Theodor W. Adorno auf einem Porträtfoto.
Diese konsequente Versagung von Aufregung verweigert sich den sonst üblichen Spektakeln der Popkultur, der bunten Oberflächlichkeit und den simplen Botschaften der kontrollgesellschaftskonformen Subjektivierung und setzt all dem eine schwer zu fassende Vieldeutigkeit entgegen, die sich oft rätselhaft artikuliert. Die insbesondere von den Riot Grrrls genutzte Strategie des Schreis als radikal polyvalente Ausdrucksform wird hier umgekehrt: Friedhofsruhe widersetzt sich hegemonialer Sinnzuschreibung noch effektiver. Dennoch klingt das alles süß wie Pop und manchmal klebrig wie Zuckerwatte – nur ist die nicht bunt, sondern schiefergrau. So erzeugt das Album anstelle von Heiterkeit eine eigenartige Behaglichkeit.
Die Heiterkeit: Pop & Tod I+II, Buback, 2016.
Ein paar Statements zum Start der zehnten Staffel Dschungelcamp, nachzulesen beim Kurier.
Danke Internet! Deinetwegen wird der Playboy quasi feministisch und man(n) liest das Heft nun wirklich wegen der Artikel. Und da dies aus einer ausschließlich ökonomischen Werthaltung heraus geschieht, lieferst du gleich ein weiteres, schön anzusehendes Beispiel für den ›neuen Geist des Kapitalismus‹ (vgl. Boltanski/Chiapello 2003), der ja so neu auch wieder nicht ist. Dennoch verleihst du, Playboy, dieser Vereinnahmungsdiagnose einen originellen Akzent, indem du dich jetzt als so etwas wie Vice begreifst, nur mit mehr Möpsen und dem Unterschied, »that we’re going after the guy with a job«. Na dann, viel Erfolg!
Boltanski, Luc/Chiapello, Ève (2003): Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz: UVK.
Und weiter geht’s! Diesmal mit einer Folge aus der dritten Staffel, die es zur Abwechslung mit politischen, kontroversen Themen versucht. Ein Paradebeispiel hierfür ist »Liebe und Tod« (im Original noch pathetischer: »When Irish Eyes Are Crying«), wo gleich zu Beginn John Lennons Imagine missbraucht wird, um das Pathos zu heben, was glücklicherweise nicht allzu lange gelingt: Denn zur Dekonstruktion benötigt Miami Vice keinen Jacques Derrida, das erledigt die Serie – wie so oft – zuverlässig selbst.
Sean Carroon (vor Publikum): »Die gesamte Presse, die Politiker, alle protestieren sie gegen das Apartheidssystem in Südafrika und die russische Invasion von Afghanistan. Aber ich will Ihnen mal etwas sagen: Das krasseste Beispiel für Kolonialismus in der heutigen Welt ist der Stiefelabsatz der britischen Regierung auf der Gurgel des katholischen Volkes von Nordirland.«
Stan Switek (im Abhörwagen): »Wichtiges Waffengeschäft – so’n Blödsinn. Stattdessen nur dämliches Gequatsche.«
Miami Vice (1986): »Liebe und Tod« (S03E02)
Miami Vice ist ja eine spaßige Serie. Dies liegt zu einem Gutteil an der talentierten deutschen Dialogregie, die immer wieder sprachliche Preziosen von unvergleichlicher Strahlkraft hervorbringt. Und wer behauptet, diese Serie sei ideologiefreier postmoderner Quatsch mit Soße, soll sich nicht nur von Douglas Kellner eines Besseren belehren lassen, sondern die Lauscher aufsperren. Grund genug also, hier in loser Folge die schnittigsten Wortwechsel zu veröffentlichen – das Internet ist schließlich noch nicht voll genug.
Sonny Crockett (zu Manuel Guerrero): »Dies ist Amerika, mein Freund. Wir machen hier keine Bananenpolitik.«
Blanca Sandoval: »Nein, zu Hause nicht. Aber Sie exportieren sie von hier aus.«
Sonny Crockett: »Ich bin gern bereit die Frage irgendwann mal mit Ihnen zu diskutieren. Aber jetzt versuchen wir gerade, Ihren Vater am Leben zu erhalten.«
Miami Vice (1986): »Im Fadenkreuz« (S02E20)
nachdem Euer Aufstieg also »so rasant wie der der NSDAP zwischen 1928 und 1933« (Spitzenrhetoriker Martin Delius) verläuft, werdet Ihr dann nach zwölf Jahren an der Macht auch verboten, oder schafft Ihr es aus eigener Kraft, Euch vorher unwählbar zu machen?
Das narrative Hauptmotiv in Touch, zugleich Grundidee der Serie, ist nicht unbekannt. Den Filmen Alejandro González Iñárritus ähnlich, liegt es im Sich-Kreuzen von Handlungssträngen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, wodurch sich zwei oder mehrere Geschichten zu einer komplexeren Geschichte mit einem Mehr an erzählerischer Tiefe verbinden. Doch während Iñárritu dieses Motiv als Magie des unergründlichen Schicksals inszeniert, wird es in Touch durch pseudo- und populärwissenschaftliche Erklärungen des Paranormalen systematisiert und entzaubert. Wo die Magie durch die Entzauberung verdrängt wird, sind Schematisierung und Instrumentalisierung nicht fern. Ob dies das weitere Strickmuster der Serie wird, lässt der Pilot offen. Man darf also gespannt sein.
Touch (2012) (USA, Buch: Tim Kring, Regie: Milan Cheylov/Francis Lawrence, Mit: Kiefer Sutherland/David Mazouz/Gugu Mbatha-Raw/Danny Glover).
Ab dem 26. März 2012 auf ProSieben und ORF eins.
Im Vorfeld der diesjährigen dOCUMENTA (13) erscheint im Hatje Cantz Verlag eine Serie von Notizbüchern mit dem Titel 100 Notizen – 100 Gedanken. Eines davon stammt von Autor und Künstler Matias Faldbakken, der für SUCHE die Protokolle seiner verschiedenen Festplatten verwendete und einen Teil der Verläufe seiner Google-Recherchen extrahierte. Verlagsseitig wird das zur konkreten Poesie einer écriture automatique geadelt, die es den Lesern ermögliche, einen Teil von Faldbakkens Arbeitsprozess mitzuerleben. Faldbakken selbst findet für diese Arbeitsweise weniger verklärende Worte: »Meine Texte sind mit einer Tonne vergleichbar, in der ich den ganzen Müll an Ideen ablegen kann.« (Faldbakken 2009: 130) Das heißt vielleicht, dass Faldbakkens bisher erschienene Romane aus der Mülltonne kommen, aber keinesfalls, dass sie auch für selbige geschrieben sind. Auch wenn deren gesellschaftskritische Intentionen streckenweise hinter sehr unterhaltsamen Effekten zurücktreten, sind The Cocka Hola Company, Macht und Rebel und Unfun mehr als nur »Sammlungen von kleinen Ideen, die ich dann zusammenknüpfe, um es am Ende wie eine richtige Novelle aussehen zu lassen.« (Matias Faldbakken im Interview mit arte KULTUR)
Dass es Faldbakken jedoch zunehmend anstrengt, sich hinzusetzen und zu schreiben (vgl. Faldbakken 2009: 130), merkt man. Der Seitenumfang seiner drei Romane nimmt vom ältesten bis zum neuesten um jeweils rund 100 Seiten ab: 462, 349, 266. Der Ideenreichtum hat unter dieser quantitativen Verkürzung bisher nicht gelitten. SUCHE scheint aber nicht nur auf quantitativer Ebene mit seinem Umfang von 32 Seiten die zunehmende Anstrengung Faldbakkens beim Schreiben zu belegen, sondern ihn auch in qualitativer Hinsicht darin zu bestätigen, dass »ich mich auch bei den Texten immer mehr verweigere und weniger Ideenreichtum akzeptiere.« (ebd.)
Man kennt diese längeren Fragmente aus mal mehr und mal weniger einfallsreichen oder witzigen Stichwörtern bereits aus Faldbakkens Romanen. Zu Beginn noch recht unterhaltsam, neigt man allerdings spätestens nach der dritten Liste mit Titeln für Pornos oder Konzepten für das Guerillamarketing dazu, diese nur noch zu überfliegen und rasch weiterzublättern. Für eine Veröffentlichung ist dieses Konzept maximal als PR-Gimmick zur Documenta tragfähig. Maximal – denn die von Hatje Cantz freundlicherweise online zur Verfügung gestellte zwölfseitige Leseprobe – das sind immerhin mehr als ein Drittel des gesamten Heftchens – hat mir völlig gereicht. Fans werden es trotzdem kaufen und vielleicht auch lesen. Für Hatje Cantz rechnet sich das.
Matias Faldbakken (2011): SUCHE. Reihe: Documenta 13: 100 Notizen – 100 Gedanken Nr. 035, Deutsch/Englisch. 32 Seiten, 2 Abb., 10,50 x 15,00 cm, Broschur. ISBN 978-3-7757-2884-3
Matias Faldbakken (2009): »Was macht die Kunst, Matias Faldbakken?«, in: monopol 4/2009, S. 130.