Dass Fotografie mit dem gedruckten Bild beginnt, trifft nicht so ganz zu. Vielmehr wird die Fotografie im Druck vollendet – sei es als Silbergelatineabzug auf Barytpapier, C-Print oder als Fotobuch. Kurz, die Fotografie mag auch im Digitalen ihren Anfang nehmen, findet ihre Vollendung jedoch nur im Analogen, um hier Jean Baudrillard (2008) weiterzudenken, der bereits kurz vor seinem Tod im Jahr 2007 – einige Zeit vor Instagram u. ä. – das »Verschwinden des Bildes im unerbittlichen Übergang vom Analogen zum Digitalen« (ebd.: 23) prognostizierte. Mit dem Verschwinden des Bildes im Digitalen verschwindet auch das, was für Roland Barthes (2024) das Wesen der Fotografie ausmacht, nämlich das »Es-ist-so-gewesen« (ebd.: 87). Fotografie verschwindet im ›Content‹, vulgo KI-Futter: Rohstoff für Halluzinationen, für ein ›So-ist-es-nie-gewesen‹.
Statt KI-Futter also Fotografie. Mal abgesehen davon, dass das Training Künstlicher Intelligenz eine einzige himmelschreiende Urheberrechtsverletzung ist, geht es in philosophischer Hinsicht um weit mehr als das. Schon 1973 formuliert Takuma Nakahira (2025: 92), seine Fotografie müsse das Image verwerfen und stattdessen der Welt, wie sie ist, ins Gesicht blicken, um die Dinge in der Welt richtig zu ordnen – die Dinge als Dinge und das Selbst als Selbst. Denn das Image ist nicht zu verwechseln mit dem fotografischen Bild. Während dieses sich der Welt stellt, wie sie ist, überformt jenes die Welt mit einer Vorstellung davon, wie die Welt zu sein hat. Während im Zeitalter des technischen Bildes die Fotografie immer auch eine (Selbst-)Kritik an der Fotografie als Modus des gesellschaftlichen Ausdrucks enthält, besteht die politische Funktion des Images, das Nakahira auch als ›systematisierten Blick‹ beschreibt, darin, eine Pseudorealität hervorzubringen, die unseren Blick von der Realität ablenkt und stattdessen auf einen nicht wirklich existenten Raum fixiert. (Vgl. ebd.: 77 f.) Diese Kritik Nakahiras am Selbstverständnis des modernen Subjekts, das die Welt nach seinen Vorstellungen formt, lässt sich gegenwärtig dahingehend weiterdenken, dass es im globalen Technokapitalismus nicht mehr der Mensch ist, der so handelt, sondern ein durch ›Content‹ angetriebenes Medienspektakel, das die Welt nicht zeigt, wie sie (gewesen) ist, sondern auf visueller als auch intellektueller Ebene ideologisch überformt.
Um meine Fotografien nicht zum Image zu degradieren, habe ich sie aus dem Netz genommen. Stattdessen werde ich sie in Form von Fotobüchern im Druck vollenden.
Barthes, Roland (2024) [1989]: Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, 19. Aufl., Berlin: Suhrkamp.
Baudrillard, Jean (2008): Warum ist nicht alles schon verschwunden?, Berlin: Matthes & Seitz.
Nakahira, Takuma (2025): »Why an Illustrated Botanical Guide?«, in: ders., At the Limits of the Gaze. Selected Writings by Takuma Nakahira, herausgegeben und übersetzt von Daniel Abbe und Franz Prichard, New York: Aperture, S. 74–97.